Wir reagieren im Hier und Jetzt oft nicht auf die Situation, in der wir uns gerade befinden, sondern auf Glaubenssätze, die wir bereits als Kinder entwickelt haben.

Warum das so ist und wie wir wieder mehr Wahlfreiheit gewinnen können, erfährst du in diesem Artikel.

Kennst du Situationen, in denen du dich im Nachhinein fragst: «Warum habe ich schon wieder so reagiert? Ich wollte das doch endlich anders machen.»

Oder vielleicht sagst du JA, obwohl du eigentlich NEIN meinst. Vielleicht entschuldigst du dich für Dinge, für die du gar nichts kannst, oder rechtfertigst dich ständig für Dinge, für die du dich gar nicht rechtfertigen musst. Vielleicht ziehst du dich zurück, wirst laut oder versuchst, es allen recht zu machen. Und obwohl du dir vornimmst, beim nächsten Mal anders zu handeln, passiert es wieder und wieder.

Wie frustrierend…

Wir fragen uns dann, was wohl mit uns nicht stimmt. Warum wir das einfach nicht hinbekommen. Wir halten uns für zu sensibel, zu schwierig oder zu schwach.

Ich glaube etwas anderes.

Ich glaube, dass hinter vielen dieser Reaktionen keine Schwäche steckt, sondern alte Glaubenssätze, die wir als Kinder oder Jugendliche entwickelt haben. Damals waren sie Überlebensstrategien. Sie halfen uns, unsere Welt zu verstehen und mit schwierigen Situationen umzugehen. Heute beeinflussen sie oft noch immer, wie wir uns selbst sehen, wie wir Beziehungen gestalten und wie wir auf Konflikte reagieren.

Doch Glaubenssätze sind keine Tatsachen. Sie sind Schlussfolgerungen, die wir aus unseren Erfahrungen gezogen haben.

In diesem Artikel möchte ich dir zeigen, wie Glaubenssätze entstehen, warum sie bis heute wirken und weshalb sie keine Fehler sind, sondern mit Mitgefühl betrachtet werden dürfen.

Wie Glaubenssätze entstehen

Als Kinder kommen wir nicht mit Glaubenssätzen auf die Welt. Wir kommen mit Bedürfnissen auf die Welt – mit dem Bedürfnis nach Sicherheit, Verbindung, Liebe, Zugehörigkeit, Autonomie oder Verständnis.

Sind diese Bedürfnisse erfüllt, erleben wir die Welt als einen sicheren Ort. Werden sie jedoch über längere Zeit nicht erfüllt, versucht unser kindliches Gehirn zu verstehen, warum das so ist. Dabei entstehen unbewusst Schlussfolgerungen.

Ein Kind denkt nicht:

«Meine Eltern waren gerade überfordert.»

Es denkt vielmehr:

«Mit mir stimmt etwas nicht.»

«Ich muss mich mehr anstrengen.»

«Ich darf nicht stören.»

«Ich muss stark sein.»

Diese Gedanken sind keine Tatsachen. Sie sind Konstruktionen unseres Gehirns. Erklärungen, die wir uns aufgrund unserer Erfahrungen und Erlebnisse zurechtgelegt haben. Im Volksmund nennen wir sie Glaubenssätze. Es sind Schlussfolgerungen, die wir aus unseren Erfahrungen, Erlebnissen und den Geschichten gezogen haben, die wir uns über uns selbst und die Welt erzählt haben.

Ich glaube, dass diese Glaubenssätze damals die klügsten und sichersten Lösungen waren, die unser kleines Ich finden konnte. Sie halfen uns, in einer Welt zurechtzukommen, die wir als Kind noch nicht vollständig verstehen konnten. Sie gaben uns Orientierung, schützten unsere Beziehungen und halfen uns, mit schwierigen Situationen umzugehen.

Damals waren sie hilfreich.

Doch wenn wir sie nie hinterfragen, begleiten sie uns oft bis ins Erwachsenenalter. Sie beeinflussen noch heute, wie wir denken, fühlen und handeln.

Vielleicht fragst du dich jetzt: «Warum beeinflusst mich das heute überhaupt noch? Ich bin doch längst erwachsen.»

Glaubenssätze verschwinden nicht einfach, nur weil wir älter werden. Sie werden vielmehr zu einer Art innere Brille, durch die wir die Welt betrachten. Sie beeinflussen, wie wir Situationen interpretieren, wie wir das Verhalten anderer Menschen einordnen und welche Bedeutung wir bestimmten Ereignissen geben.

Stell dir vor, zwei Menschen erhalten dieselbe Rückmeldung von ihrer Vorgesetzten:

«Könnten wir das Gespräch später noch einmal gemeinsam anschauen?»

Die eine Person denkt:

«Spannend. Vielleicht gibt es noch etwas zu verbessern.»

Die andere hört:

«Ich habe versagt. Ich genüge nicht.»

Es ist dieselbe Situation. Doch je nachdem, welche Brillengläser unsere innere Brille trägt, geben wir ihr eine völlig unterschiedliche Bedeutung. Unsere innere Brille entscheidet nicht nur darüber, was wir wahrnehmen, sondern auch darüber, wie wir das Wahrgenommene interpretieren.

Wer als Kind gelernt hat: «Ich bin nicht wichtig», wird neutrale Situationen oft anders interpretieren als jemand, der tief in sich spürt: «Ich bin wertvoll.»

Ich spreche deshalb oft davon, in schwierigen Situationen GROSS zu bleiben. Damit meine ich, dass wir uns einen Moment fragen: Schaue ich gerade mit meiner erwachsenen Brille auf die Situation oder habe ich unbewusst eines meiner alten Brillengläser aufgesetzt?

Denn je nachdem, durch welches Brillenglas wir blicken, verändert sich nicht die Wirklichkeit, sondern unsere Interpretation davon. Deshalb reagieren wir als Erwachsene oft nicht auf das, was tatsächlich geschieht, sondern auf die Geschichte, die unsere innere Brille daraus macht.

sonnenuntergang und kind hält mutter
Mother and daughter playing and having fun on the beach

Die gute Nachricht ist: Unsere innere Brille muss uns nicht ein Leben lang bestimmen. Der erste Schritt besteht nicht darin, sie sofort abzunehmen. Der erste Schritt ist, überhaupt zu erkennen, dass wir sie gerade tragen.

Genau hier beginnt für mich der Prozess der Selbstempathie. Selbstempathie bedeutet nicht, sich schönzureden oder positiv zu denken. Sie bedeutet, sich selbst mit ganz viel Neugier statt mit Verurteilung zu begegnen.

Sie bedeutet aber auch, zu verstehen, welche Gedanken gerade in unserem Kopf unterwegs sind. Marshall B. Rosenberg nannte diese innere Sprache die Wolfssprache. Sie ist geprägt von Bewertungen, Urteilen, Schuldzuweisungen und Forderungen – gegenüber anderen, aber eben auch gegenüber uns selbst.

Am besten beginnt dieser Weg deshalb damit, die eigenen Wolfsgedanken bewusst wahrzunehmen. Welche Gedanken schiessen mir gerade durch den Kopf? Was erzähle ich mir über mich selbst oder über den anderen Menschen?

Diese Gedanken verraten uns häufig, welches Brillenglas wir gerade tragen.

Allein das wahrzunehmen, ist für viele Menschen bereits ein grosser Schritt. Denn unsere Glaubenssätze laufen meist unbewusst ab. Die Gedanken sind glitschig wie Fische – kaum tauchen sie auf, sind sie schon wieder verschwunden. Deshalb empfehle ich dir, sie aufzuschreiben. Schreib einfach alles auf, was gerade in deinem Kopf ist – ungefiltert und ohne dich dafür zu verurteilen.

In meiner Begleitung gehen wir danach Schritt für Schritt weiter. Gemeinsam schauen wir hinter diese Gedanken: Welche Gefühle sind gerade da? Was zeigt sich auf körperlicher Ebene? Wo sind diese Gedanken entstanden – und wo wurde das Brillenglas mit dem Glaubenssatz geschliffen, der uns heute noch so oft im Weg steht? Welche Bedürfnisse möchten gesehen werden? Und welche neue Strategie passt heute zu meinem erwachsenen Ich?

Selbstempathie ist kein Ziel, das wir erreichen. Sie ist eine Haltung, die wir immer wieder üben dürfen. Mit jeder Situation, in der wir unsere innere Brille bewusster wahrnehmen, gewinnen wir ein Stück Wahlfreiheit zurück

Vielleicht fragst du dich jetzt, ob diese alten Brillengläser jemals wieder verschwinden und ob du das überhaupt schaffen kannst. Dann lade ich dich ein, zuerst einmal innezuhalten und dich zu fragen: Trage ich gerade vielleicht schon wieder eines meiner alten Brillengläser?

Wenn ja, dann ist das nicht schlimm. Es zeigt nur, dass deine innere Brille gerade aktiv ist.

Unsere Vergangenheit können wir nicht ungeschehen machen – und das müssen wir auch gar nicht. Sie gehört zu uns. Doch ich glaube, dass wir lernen können, sie mit anderen Brillengläsern zu betrachten.

Tief in uns gibt es einen Ort, der nie kaputtgegangen ist. Einen Ort, der nie falsch war und nie falsch sein wird. Ich nenne ihn das freie Herz.

Ich glaube, dass jeder Mensch dieses freie Herz in sich trägt. Unsere Glaubenssätze, Verletzungen und Schutzstrategien konnten es nie zerstören. Sie haben lediglich unsere Brillengläser Schicht für Schicht getrübt. Nicht unser Herz ist verloren gegangen – sondern unser klarer Blick darauf.

Je mehr wir diese Schichten erkennen und ihnen mit Mitgefühl und Menschlichkeit begegnen, desto klarer wird unser Blick. Es wird nicht plötzlich alles einfach werden, jedoch können wir immer häufiger GROSS bleiben, auch in schwierigen Situationen. Wir glauben irgendwann nicht mehr jede Geschichte, die uns unsere innere Brille erzählt. Stattdessen lernen wir, Situationen erwachsener, klarer und mit mehr Wahlfreiheit zu begegnen.

ZusammenWachsen bedeutet für mich genau das: Dass wieder zusammenwächst, was sich im Laufe unseres Lebens getrennt hat. Dass wir unsere alten Geschichten verstehen, ohne von ihnen bestimmen zu lassen. Und dass wir Schritt für Schritt wieder in Verbindung mit dem kommen, was schon immer in uns war.

Vielleicht ist das der schönste Gedanke überhaupt: Du musst nicht zu einem neuen Menschen werden. Du darfst dich Schritt für Schritt wieder an den Menschen erinnern, der du schon immer gewesen bist.

Alles, was ich in diesem Artikel beschrieben habe, entspringt meinem heutigen Menschenbild. Es wurde über viele Jahre hinweg geprägt – insbesondere durch die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg.

Rosenberg hat den Menschen nie als falsch oder kaputt betrachtet. Er war überzeugt, dass hinter jedem Verhalten ein guter Grund steckt. Nicht, weil jede Handlung richtig ist, sondern weil jeder Mensch versucht, sich ein Bedürfnis zu erfüllen.

Dieses Menschenbild hat meine Sicht auf Menschen grundlegend verändert. Ich begegne Menschen deshalb nicht mit der Frage: «Was stimmt mit dir nicht?», sondern mit den Fragen: «Was hat dich zu dem Menschen gemacht, der du heute bist?» und «Welche Bedürfnisse versuchst du dir gerade zu erfüllen?»

Ich glaube, dass wir nicht heilen, indem wir gegen uns kämpfen. Wir heilen dort, wo wir beginnen, uns selbst mit Menschlichkeit, Mitgefühl und Verständnis zu begegnen.

Genau das bedeutet ZusammenWachsen für mich: Nicht jemand anderes zu werden, sondern Schritt für Schritt wieder mit dem Menschen zusammenzuwachsen, der wir unter all unseren Brillengläsern schon immer waren.

Vielleicht nimmst du aus diesem Artikel nur einen einzigen Gedanken mit: Ich bin nicht verkehrt. Und ich bin meinen Glaubenssätzen auch nicht ausgeliefert.

Vielleicht trägst du einfach Brillengläser, die dir als Kind geholfen haben, in der Welt zurechtzukommen, in der du damals gelebt hast. Damals waren sie klug. Damals waren sie wichtig. Heute dürfen sie hinterfragt werden.

Veränderung beginnt nicht dort, wo wir uns verurteilen. Sie beginnt dort, wo wir neugierig werden. Wo wir den Mut haben, unsere innere Brille anzuschauen und uns selbst mit Mitgefühl zu begegnen.

Denn hinter jedem Glaubenssatz steckt eine Geschichte. Hinter jeder Geschichte ein Mensch. Und in jedem Menschen lebt – davon bin ich überzeugt – ein freies Herz.

Ich wünsche mir, dass du dich auf den Weg machst, deine Brillengläser immer besser kennenzulernen. Nicht, um sie zu bekämpfen, sondern um bewusster entscheiden zu können, welche du heute noch tragen möchtest.

Vielleicht beginnt ZusammenWachsen genau dort.

Nicht damit, jemand anderes zu werden.

Sondern Schritt für Schritt wieder zu dem Menschen zusammenzuwachsen, der du unter all deinen Brillengläsern schon immer gewesen bist.


„Das Leben ist keine Reise, auf der wir jemand Neues werden.

Es ist eine Reise zurück zu dem Menschen, der wir schon immer waren.

Unser Herz weiss längst, wer wir wirklich sind.

Es braucht nur den Mut, die Brillengläser abzunehmen, die uns den Blick auf uns selbst so lange verstellt haben..“

– Tanja Romano

Wenn du mehr über meinen generellen Arbeit erfahren möchtest, dann besuche gerne meine anderen Blog’s:

Umgang mit Wut: Tipps für ein liebevolles Umfeld für Kinder

Umgang Wut: Effektive Strategien und Empathie

Umgang mit Wut: Die Ursachen von Wutausbrüchen bei Kindern